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Werden fettleibige Menschen nie satt?

Stimmt es, dass sie eine höhere “Sättigungsschwelle” haben als Normalgewichtige? Ich hörte in diesem Zusammenhang kürzlich von der sogenannten “Leptinresistenz”: Was steckt dahinter? Aus der Experten-Sprechstunde "Übergewicht und Fettleibigkeit“


Fettleibigkeit beruht in aller Regel auf falschen Verhaltensmustern

Genau genommen steuert das Fettgewebshormon Leptin nicht unser Sättigungsgefühl, sondern den Hunger. Je mehr Leptin im Körper ist, desto weniger Hungergefühl tritt auf – oder anders herum: Je weiter die Fettdepots reduziert werden, desto mehr nimmt auch die Menge des im Körper zirkulierenden Leptins ab, was wiederum eine Zunahme des Appetits bewirkt. Auch Ghrelin, GLP-1 und Cholezystokinin sind Hormone, die Auswirkungen auf Hunger und Sättigungsverhalten zu haben scheinen. Allerdings sind eventuell relevante Effekte beim Menschen sowie das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Hormonen noch unzureichend geklärt.


Es gibt einige extrem seltene Erkrankungen, bei denen es zu Veränderungen (Mutationen) bestimmter Gene und in der Folge zu einer gestörter Produktion von Botenstoffen kommt, die unter anderem im Gehirn für die Regulierung des Körpergewichtes wesentlich zu sein scheinen. Dazu gehören auch Defekte im Gen, das für die Leptin-Produktion zuständig ist. Die Betroffenen leiden dann an unstillbarem Hungergefühl und in der Folge unter massiver Fettleibigkeit. Allerdings ist das ein extrem seltener Defekt, weltweit sind derzeit nicht einmal fünf betroffene Familien in der Fachliteratur beschrieben. Bei diesen Menschen kann die Störung durch die Gabe von Leptin sehr gut behandelt werden.
Die Hoffnung, dass damit auch ein wirksames Mittel gegen die übliche und leider viel häufigere Form der Adipositas gefunden wurde, hat sich allerdings nicht erfüllt. Bei den allermeisten Übergewichtigen bleibt die Zufuhr von Leptin leider wirkungslos, da sie in der Regel eine ausgeprägte Leptinresistenz aufweisen, das heißt dass das im Körper vorhandene Leptin keine relevante Wirkung auf die Zielstrukturen im Gehirn zu haben scheint.


Etwas häufigere genetische Mutationen, die sich ebenfalls stark auf das Sättigungs- bzw. Hungergefühl auszuwirken scheinen, wurden neuerdings beschrieben, so zum Beispiel Mutationen im Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R), welche bei bis zu vier Prozent der oft schon im frühen Kindesalter betroffenen mit ausgeprägter Adipositas gefunden wurden (BMI über 35 kg/m²; zum BMI, dem sogenannten Körpermassenindex, siehe Experten-Sprechstunde Übergewicht und Fettleibigkeit, Frage: „Mittel- und langfristige Folgen von Übergewicht und Fettleibigkeit?“). Der Melanocortin-4-Rezeptor, ein bestimmter Eiweißstoff, entsteht im Gehirn und ist an der Regulation von Nahrungsaufnahme und Körpergewicht beteiligt. Insgesamt verursachen jedoch alle bekannten genetischen und hormonbedingten Erkrankungen zusammen weniger als zehn Prozent der von Adipositas betroffenen Personen.

 

 

Prof. Dr. Martin O. Weickert

 

 

Unser Experte aus der Sprechstunde "Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas)" beantwortet interessante Fragen rund um dieses Thema.


Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.
 



surfmed/www.apotheken-umschau.de; 26.07.2007, aktualisiert am 12.07.2010
Bildnachweis: Fotolia/14ktgold/2010

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