Das Essverhalten reguliert sich nicht von selbst (wie zum Beispiel die Atmung), denn dann würden wir automatisch weniger essen, wenn wir weniger Energie verbrauchen und mehr, wenn wir mehr benötigen. Der Körper gibt zwar Signale zur Regulierung des Gewichts, aber diese sind beim Abnehmen und Zunehmen nicht gleichermaßen ausgeprägt: Während unser Körper stark gegensteuert, wenn wir Gewicht abnehmen (beispielsweise über hormonelle Signale und Stoffwechselwege in Magen-Darm-Trakt und Gehirn), sind die Warnsignale ungleich schwächer, wenn wir Gewicht zulegen. Wir können und müssen unser Essverhalten also bewusst kontrollieren und entsprechend der benötigten Energie dosieren.
Übergewichtige Menschen berichten jedoch häufig, dass sie die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren hätten. Eine Vorliebe für zu energiereiche Kost, ein schwaches Sättigungsgefühl und stark empfundener Hunger (eventuell vermittelt über niedrige Leptinspiegel nach Hungerkuren; Leptin ist ein Fettgewebshormon) – das alles lässt gerne die Pfunde sprießen. Aber auch Essverhaltensstörungen – etwa Heißhungerattacken („binge eating“) und nächtliche Essanfälle, welche häufig auch mit weiteren psychischen Auffälligkeiten wie zum Beispiel Depression, Ängstlichkeit, Persönlichkeitsstörungen, Affektinstabilität (sehr schwankungsanfällige Gefühlswelt), Kontrollverlust, Substanzabhängigkeiten, manisch-depressive Störungen verbunden sind –, können Übergewicht nach sich ziehen. Essstörungen werden oft über lange Zeit verheimlicht, da die Betroffenen sich schämen und Schuldgefühle haben. Im Gegensatz zu den Magersüchtigen sind Patientinnen mit Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oft sozial integriert, da die Essstörung im Verborgenen ausgelebt wird. Die Betroffenen "funktionieren" oft gut in der Gesellschaft und leben normale soziale Kontakte aus, bleiben jedoch emotional isoliert. Die Beziehungen vor allem Jugendlicher zu ihren Familien, sowie auch soziale, kulturelle, emotionale und ökonomische Faktoren scheinen hierbei von besonderer Bedeutung zu sein.
Soziale und kulturelle Faktoren: Der moderne Lebensstil in Industrieländern ist gekennzeichnet durch Bewegungsmangel und falsche Ernährungsgewohnheiten. Technische Errungenschaften ersetzen zunehmend die direkte körperliche Arbeit, sei es im Haushalt, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit.
Der Körperkult in unserer Gesellschaft stellt für viele eine psychische Belastung dar, die vor allem im Zusammenhang mit Esssucht das problematische Essverhalten noch weiter verstärken kann.
Familiäre Faktoren: Studien zeigen, dass übergewichtige Kinder häufiger aus Familien kommen, in denen bereits ein Elternteil übergewichtig ist. Diese Ergebnisse weisen einerseits auf die genetische Komponente dieser Erkrankung hin, aber auch auf familiäre Essgewohnheiten. Kinder werden in diesen Familien häufig mit Essen getröstet, belohnt oder ruhig gestellt.
Studienergebnisse weisen darauf hin, dass übergewichtige Kinder aus einer erfolgreichen Gewichtsabnahme der teilnehmenden übergewichtigen Eltern ebenfalls Vorteile ziehen und selbst auch “abspecken“, ohne direkt an dem Programm zur Gewichtsregulierung teilzunehmen.
Individuelle emotionale Faktoren: Viele Übergewichtige verbinden mit Essen Selbstfürsorge: Essen wird zur Stressbewältigung, Belohnung oder generell zur Überbrückung negativer Empfindungen eingesetzt. Das Übergewicht kann die Funktion eines Schutzschildes erfüllen und Betroffenen sozusagen "die Umwelt vom Leibe halten". Andere wiederum sichern sich durch ihre Körperfülle Aufmerksamkeit und verhindern so, übersehen zu werden.
Prof. Dr. Martin O. Weickert
Unser Experte aus der Sprechstunde "Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas)" beantwortet interessante Fragen rund um dieses Thema.
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26.07.2007, aktualisiert am 17.04.2012
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