Die Schulter ist ungewöhnlich konstruiert – mit gleich drei bis vier Gelenken, drei Knochen, drei Muskelgruppen, entsprechend vielen Sehnen und mit mehreren Bändern für die Gelenkkapseln. Da sie alle eng „zusammenhalten“, können kleinere Sehnenschäden gut ausgeglichen werden. Das bedeutet zugleich: Geführt wird das Schultergelenk in erster Linie durch Muskeln und Sehnen. Das hat den Vorteil der ausgreifenden Bewegung, bringt aber das Risiko der Instabilität und den Nachteil erhöhter Verletzbarkeit mit sich: Wir haben von Natur aus leichte Schultern!
Zum Beispiel können Schulter und Arm aus der Senkrechten in einem Winkel bis etwa 180 Grad gehoben werden, und auch vorne, in der Waagerechten, kommen sie recht weit, bis etwa 40 Grad auf die Gegenseite. Weniger Spielraum gibt es, wenn wir die Schultern nach hinten drehen. Dafür können wir die Arme aus dem Schultergelenk heraus in einem großem Bogen vorwärts und rückwärts kreisen.
Drei Knochen bilden das Schulterskelett: Der Oberarmknochen, das Schulterblatt und das Schlüsselbein. Wenn vom Schultergelenk die Rede ist, denken die meisten an die Verbindung zwischen dem Oberarmkopf und Schulterpfanne. Das ist in der Tat das Hauptgelenk der Schulter. Es heißt Humeroskapulargelenk. Weniger bekannt sind die drei bis vier Nebengelenke. Zum Beispiel der wichtigste Gelenkraum, der Gleitkanal für die sogenannte Rotatorenmanschette (siehe unten). Er liegt unter dem Schulterdach. Das Schulterdach wird von einem Knochenfortsatz (Akromion) am oberen Schulterblatt und dem Band gebildet, das von dort zu einem Knochenvorsprung weiter vorne / unten (Rabenschnabelfortsatz) zieht.
In dem engen Raum unter dem Dach, dem Subakromialraum, spielen sich viele Verschleißprobleme des Schultergelenks ab. Das Dach liegt direkt über dem Hauptgelenk. Dazwischen verläuft eine der wichtigsten Muskelsehnen der Schulter, die Supraspinatussehne. Sie ist Teil der sogenannten Rotatorenmanschette, der großen Sehnenplatte der Schulter-Drehmuskeln.
Ein weiteres Nebengelenk ist durch eine Verletzung namens Schultereckgelenksprengung (siehe auch im Kapitel „Verletzungsfolgen“ in diesem Artikel) bekannt geworden: das Schultereck- oder Akromioklavikulargelenk. Es liegt am äußeren Ende des Schlüsselbeins zum Schulterdach hin. Hier kommt es nicht selten zu Gelenkverschleiß, meist infolge von Verletzungen oder Rheuma.
Das dritte Nebengelenk liegt hinten am Rücken, zwischen Schulterblatt-Innenseite und Rippen. Vorne setzt die Schulter hebelartig mit dem Schlüsselbein am Brustbein an, gewissermaßen das vierte Nebengelenk. Mit den beiden zuletzt genannten Verbindungen ist die Schulter am Rumpf befestigt.
Die Bewegungen im Schultergelenk entstehen durch das Zusammenspiel dreier Muskelgruppen. Drehmuskeln (Rotatoren) für die Außen- und Innendrehung ziehen vom Schulterblatt mit ihren Sehnen zum Oberarmkopf, den sie umspannen. Ihre Sehnenplatte ist die schon genannte Rotatorenmanschette. Die Rotatoren halten den Oberarmkopf zentral in der Gelenkpfanne.
Dabei spielt insbesondere der Supraspinatus-Muskel als stärkster Außendreher eine wichtige Rolle, da er bei Zug den Anstoß zum Heben des Armes gibt und in der weiteren Hebephase den Oberarmkopf nach außen dreht. Dann kann der Gelenkkopf unter das Schulterdach gleiten. Schleimbeutel zwischen Sehnen und Schulterdach erleichtern den Gleitvorgang.
Zum Zweiten wirken die Brustmuskeln, ein wenig auch noch der bekannte Bizepsmuskel, bei der Schulterarbeit mit. Dritter im Bund ist der wulstige Deltamuskel oder Deltoideus, der einzig sichtbare und konturgebende Muskel an der Schulter. Er bedeckt die Rotatoren, vollführt das Armabspreizen, zieht dabei aber auch den Oberarmkopf hoch.
Das ist insofern wichtig zu wissen, als bei der Schultergymnastik oft zunächst die Rotatoren ohne den Deltamuskel gestärkt werden müssen. Denn durch einseitige Bewegungen im Alltag kommt es sehr häufig zur Rotatorenschwäche. Dann wird der Deltamuskel nicht genügend abgebremst, sodass der Oberarmkopf beim Hochführen des Armes ständig oben gegen das Schulterdach scheuert. Damit beginnt das, was unter dem Begriff der „Periarthropathia humersoscapularis“ zusammengefasst wird: die Schädigung des Gewebes um das Schultergelenk herum durch Entzündungen von Sehnen, Schleimbeuteln und umgebenden Gleitgeweben.
Dieser Problemkreis spielt bei Schulterbeschwerden eine große Rolle und wird nachfolgend zuerst beschrieben (siehe Kapitel „Kalkschulter – Sehnenriss“).
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13.09.2005, aktualisiert am 27.03.2012
Bildnachweis: W&B/Szczesny
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