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Psychologie: Etwas mehr Respekt, bitte!

Gegenseitige Wertschätzung besitzt im Beruf wie im Privatleben einen hohen Stellenwert


Höfliche und faire Umgangsformen können zu mehr Leistung motivieren

Was, glauben Sie, ist den Deutschen wichtiger: ein hohes Einkommen oder vom Chef respektiert zu werden? Dr. Tilman Eckloff und sein Team von der Universität Hamburg wollten es wissen und führten bundesweit Studien durch. Neben klassischen Arbeitswerten wie gutem Einkommen, sicherer Stelle und interessanter Tätigkeit fragten die Wissenschaftler die Testpersonen auch danach, welchen Stellenwert Respekt für sie im Beruf hat. Ergebnis: "Sich am Arbeitsplatz vom Chef respektiert zu fühlen ist Menschen wichtiger, als viel Geld zu verdienen. Das fanden wir sehr beeindruckend, denn eigentlich hatten wir erwartet, dass ein hohes Einkommen ganz weit oben auf der Skala steht", sagt Psychologe Eckloff.

Was bedeutet Respekt? Das Wort kommt vom lateinischen "respicere", was "zurücksehen" heißt, also auch Rücksicht. Dabei gibt es zwei Arten. Von "vertikalem Respekt" spricht Eckloff, wenn es sich um ein Hierarchiegefüge handelt. Im optimalen Fall zollt dann ein Mitarbeiter seinem Vorgesetzten Hochachtung, bescheinigt ihm natürliche Autorität, weil dieser Besonderes leistet. Von einer solchen Führungskraft lassen sich Untergebene auch gern beeinflussen. Das zeigte etwa die US-amerikanische Luft- und Raumfahrtbehörde NASA. Bevor sie eine Crew ins All schickt, versucht sie auf der Erde herauszufinden, wer die natürliche Führungskraft einer Mannschaft ist, um den Betreffenden dann mit entsprechenden Vollmachten auszustatten.


Einen ähnlichen Versuch startete der Rundfunk- und Fernsehsender BBC Scotland. Er setzte zu Studienzwecken Menschen auf einer Insel aus. "Schon bald bildeten sich natürliche Führungsstrukturen, indem einigen Personen der Gruppe besondere Führungsqualitäten zugesprochen wurden", erzählt Eckloff.

Auf Augenhöhe mit dem Gegenüber

Daneben gibt es den "horizontalen Respekt", der darauf beruht, das Gegenüber auf Augenhöhe wahrzunehmen. "Ich achte den anderen, lasse ihn gelten, so wie er ist, und setze mich nicht über ihn hinweg", bringt Diplom-Psychologe und Paartherapeut Hartwig Hansen aus Hamburg es auf den Punkt. Höflichkeit oder die guten Sitten sind umgangssprachlich ebenfalls mit dem Wort Respekt verbunden: Im Bus bieten wir einer alten Dame unseren Platz an, wir grüßen freundlich Nachbarn und Kollegen. Damit das Miteinander klappt, brauchen wir beide Arten von Respekt, denn sie sind unerlässlich, ob bei der Arbeit, in der Familie oder in der Gesellschaft.

In zahlreichen Firmen wird heute mehr Arbeit auf weniger Schultern verteilt. Zeitdruck und Stress erlauben es dann häufig nicht mehr, die Meinung der Mitarbeiter einzuholen. Dieses Verhalten der Chefs lässt Untergebene oft glauben, unbedeutend, also auch leicht ersetzbar zu sein – anstatt ein vollwertiges Gegenüber, dem vertraut wird, dass es eigenständig gute Leistungen bringt und sich in seinem Bereich gut auskennt.

Fehlt Respekt, kostet das viel

Die Gruppe um Tilman Eckloff untersuchte, was passiert, wenn es an Respekt des Vorgesetzten seinem Team gegenüber mangelt: "Die Mitarbeiter sind weniger zufrieden und fühlen sich mit der Organisation nicht mehr so verbunden." Das Empfinden dazuzugehören geht verloren. Dann leidet auch die Motivation, sich für das Unternehmen einzusetzen.

Die Folgen wiegen schwer: Wie das sozialwissenschaftliche Gallup-Institut in Potsdam feststellt, machen bereits zwei Drittel der Deutschen "Dienst nach Vorschrift". "Damit eine Organisation funktionieren kann, braucht es jedoch zusätzliche Anstrengungen vonseiten der Mitarbeiter", meint Eckloff. Und weiter: "Mangelnder Respekt führt zu schlechteren Leistungen und zu hohen wirtschaftlichen Verlusten." Schätzungen zufolge soll das die deutsche Wirtschaft jedes Jahr mehr als 100 Milliarden Euro kosten.

Andererseits stellt sich heute nicht mehr automatisch Respekt aufgrund einer Position ein. Vielmehr erwarten Untergebene von einer Führungsperson, dass sie sich durch ein besonderes Verhalten auszeichnet oder die Stellung wegen herausragender Leistungen verdient. Eine Fehlbesetzung als Leiter einer Abteilung kann sich eigentlich keine Firma leisten. Dennoch passiert das immer wieder.

Da fehlender Respekt meist nicht von einem Einzelnen ausgeht, sondern sich in einem Unternehmen "eingenistet" hat, glaubt Eckloff, das Problem der mangelnden Achtung könne auch behoben werden, wenn eine leitende Person diejenigen Eigenschaften besitzt, die zu ihrem Team passen.

Unter anderem wünschen sich Arbeitnehmer höfliche und faire Chefs, die sie selbstverantwortlich arbeiten lassen, Kritik sachlich und konstruktiv äußern, ehrliches Interesse an ihrer Meinung und Einschätzung haben und gegenüber Dritten klar hinter ihnen stehen. Das Wichtigste laut Psychologe Tilman Eckloff ist: "Die Führungskraft sollte authentisch und den Mitarbeitern zugewandt sein. Denn Menschen haben ein sehr feines Gespür dafür, ob das, was jemand sagt, echt ist oder ob er damit nur einen bestimmten Zweck verfolgt."

Der vertikale Respekt ist oft mit herausragenden Leistungen verbunden. Für den horizontalen gilt das nicht, denn er zielt darauf, den anderen bedingungslos zu achten.



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Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 20.10.2010, aktualisiert am 20.10.2010
Bildnachweis: Thinkstock/Creatas

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