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Welche Medikamente sind für Ältere riskant?

Erstmals nennt eine Tabelle – die Priscus-Liste – Medikamente, die für ältere Patienten eventuell problematisch werden können


Gefahr aus der Pillendose? Die Wirkung eines Medikaments kann sich mit zunehmendem Alter verändern

Mit dem Rettungswagen kommt der ältere Mann in die Klinik. Er ist zu Hause gestürzt, der Notarzt befürchtet eine Hüftverletzung. Mit dabei hat der Patient eine Plastiktüte mit Medikamenten und einen Notizzettel. Darauf steht die Liste der Arzneien, die er regelmäßig einnimmt: gegen Bluthochdruck, Diabetes und Sodbrennen sowie zur Blutverdünnung – ein Medikamentencocktail, wie er Ärzten heute zunehmend Schwierigkeiten bereitet.

„Immer mehr Menschen werden immer älter, das ist bekannt“, berichtet Professor Werner Vogel vom Evangelischen Krankenhaus Gesundbrunnen in Hofgeismar (Hessen). „Das bedeutet, dass viele Menschen im Alter wegen unterschiedlicher Krankheiten verschiedene Medikamente einnehmen müssen. Das kann zu einem Problem werden.“


Während die über 60-Jährigen in Deutschland weniger als ein Drittel der Bevölkerung stellen, verbrauchten sie 2008 zwei Drittel aller verordneten Fertigarzneimittel. Statistisch gesehen nimmt jeder Deutsche über 60 Jahre drei Medikamente pro Tag ein. Werner Vogel kennt sich mit diesem Thema aus. Seine Klinik ist spezialisiert auf die Behandlung älterer Menschen, im Fachjargon: Geriatrie. „Im Alter verändert sich die Biologie des Körpers“, erklärt er. Die Nebenwirkungen von Arzneien nehmen zu. „Die Niere arbeitet nicht mehr so gut, der Wasserhaushalt schwankt, der Fettgehalt verändert sich und damit die Wirkung der Medikamente.“

Zu diesem Problemkreis gibt es seit dem Sommer des vergangenen Jahres für Ärzte und Apotheker eine Übersicht. Sie soll helfen, Medikamente zu erkennen, die bei älteren Menschen möglicherweise zu Nebenwirkungen führen, die bei jüngeren Patienten nicht zu befürchten sind. Diese sogenannte Priscus-Liste wurde von Pharmakologen der Universität Witten/Herdecke entwickelt. „Es gibt bereits internationale Listen mit Wirkstoffen, die sich für ältere Menschen nicht eignen. Sie sind aber nur teilweise auf Deutschland übertragbar“, berichtet Stefanie Holt, eine der drei Priscus-Autoren. „Wir haben deshalb eine Liste mit in Deutschland häufig eingesetzten Wirkstoffen erstellt, die bei älteren Patienten Probleme bereiten können. Anschließend fragten wir Experten nach ihrer Meinung.“ Das Ergebnis: eine Tabelle mit 83 Medikamenten, die von der Expertengruppe als eventuell ungeeignet für ältere Menschen eingestuft wurden.

„Die Priscus-Liste ist sehr wichtig für die Praxis“, sagt Geriater Vogel. „Dennoch kommt es in jedem Einzelfall darauf an, Für und Wider eines Medikaments gegeneinander abzuwägen.“ Wer Nebenwirkungen wahrnimmt, sollte auf jeden Fall den Arzt darauf hinweisen. Vogels auch als Hausarzt tätiger Kollege Professor Wilhelm Niebling von der Universität Freiburg hält die Priscus-Liste für einen richtigen Anfang, der aber weiterentwickelt werden sollte. „Das Bewusstsein, dass wir eine solche Liste brauchen, ist bei den Ärzten zunehmend vorhanden. Uns fehlen aber noch gute Daten zum tatsächlichen Risiko.“

Der Mangel an Daten ist ein großes Problem. Für die Zulassung werden neue Wirkstoffe normalerweise an vergleichsweise jungen Menschen getestet. Alte kommen wegen der Anforderungen für diese Zulassungsstudien meist nicht infrage – und zwar aus eben dem Grund, der später bei der Anwendung Probleme verursacht: Sie leiden an zu vielen Krankheiten.

Daher lässt sich nur schwer herausfinden, ob ein neuer Wirkstoff für Senioren problematisch ist. Es gibt also Medikamente, die an genau jener Patientengruppe nicht getestet wurden, bei der Ärzte sie in zunehmendem Maß einsetzen: alten Menschen. Darunter befinden sich Stoffe, die schon so lange auf dem Markt sind, dass kein Hersteller mehr Geld in ihre weitere Erforschung investieren will, weil sie als Nachahmerpräparate (Generika) zu günstigen Preisen verkauft werden. „Deshalb sollten die betroffenen Arzneimittel im Rahmen der Versorgungsforschung öffentlich finanziert untersucht werden“, fordert Wilhelm Niebling. „Daran könnten sich etwa auch die Krankenkassen beteiligen.“

Einfacher umzusetzen ist womöglich eine andere Idee Nieblings: „Die bisherigen Ergebnisse sollten Ärzten aktiv im Alltag angeboten werden – etwa in Praxiscomputersystemen. Bei Verordnung eines entsprechenden Mittels könnte ein Hinweis erscheinen, der den Arzt vor besonders im Alter auftretenden Nebenwirkungen mit anderen Medikamenten warnt.“ Einen ersten Schritt in diese Richtung planen die Priscus-Autoren bereits. „Es soll eine Kitteltaschenversion mit den wichtigsten Medikamenten geben“, sagt Professorin Petra Thürmann von der Universität Witten/Herdecke. „Natürlich gilt es, diese Liste regelmäßig zu aktualisieren.“

Aber auch Thürmann weiß: „Die Liste ist kein Allheilmittel. Jeder Patient muss für sich betrachtet werden.“ Denn im Einzelfall können nur Arzt und Patient gemeinsam entscheiden, was wichtiger ist: das Behandlungsziel, für das ein Medikament gebraucht wird, oder das Vermeiden möglicher Nebenwirkungen.



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Dennis Ballwieser / Apotheken Umschau; 14.03.2011
Bildnachweis: Mauritius Images GmbH/Sabine Stallmann

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