Aktivisten des Immunsystems: Eine T-Helfer-Zelle hat ein Allergen (gelb) aufgespürt, woraufhin eine B-Zelle IgE-Antikörper bildet, die sich sofort an eine Mastzelle heften. Das Empfangskomitee aus Antikörper und Mastzelle setzt das Allergen fest, und die Mastzelle schüttet u. a. Histamin aus. Es kommt zur allergischen Entzündung (Typ-1-Reaktion)
Unser Immunsystem ist normalerweise so gepolt, dass es Krankheitserreger oder unerwünschte Zellen im Körper erkennt und abwehrt. Mit vielen Schädlingen werden wir so leichter fertig oder erkranken erst gar nicht. Durch einen "Unfall" im Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt können Immunzellen plötzlich gegen einen harmlosen Stoff besonders empfindlich, also sensibilisiert werden. Dieser Stoff wird dann zum Allergen, und das Immunsystem bildet passgenaue Antikörper. Diese erkennen von nun an bei jedem weiteren Kontakt das Allergen. Mit der Zeit bildet das Immunsystem immer mehr Antikörper. Sie können das Allergen "abfangen". Irgendwann verläuft dieser Vorgang sehr stürmisch – unter Mitbeteiligung hoch aktiver Botenstoffe, die auch bei Entzündungen im Körper eine Rolle spielen, etwa Histamin –, sodass es erstmals zu allergischen Symptomen kommt.
Die Allergie ist also die Steigerung der Sensibilisierung. Meist passiert der sensibilisierende "Unfall" schon in der frühen Kindheit. Tatsächlich stellen Allergien gerade bei Kindern eines der größten Gesundheitsprobleme dar.
Beifuß (Artemisia vulgaris, links) und Hasel ... bei uns seit langem als klassische Pollen"schleudern" bekannt
Weltweite Zunahme von Allergien – Pollenspektrum im Wandel
Allergien sind chronische Erkrankungen und nehmen rund um den Globus zu. Experten befürchten, dass sich gerade auch Heuschnupfen weiter ausbreitet. Die Liste der Auslöser wird immer länger. Ein Grund dafür scheint darin zu liegen, dass das Pollenspektrum ständig von Neuankömmlingen erweitert wird. So bringt zum Beispiel die ursprünglich aus den USA eingewanderte Beifußambrosie (Ambrosia artemisiifolia) erhebliches Allergie- Potenzial mit sich. Veränderungen des Klimas können den Pollenflug verstärken oder verlängern. Auch die Verbindung von Schadstoffen und Pollen könnte eine Rolle spielen. Schadstoffbelastung verändert möglicherweise den Stoffwechsel der Pflanzen. Mit den Pollen setzen sie dann offenbar auch vermehrt allergen wirkende Eiweißstoffe und andere Allergien fördernde Partikel frei.
"Klassische", für Heuschnupfen verantwortliche Pflanzenpollen stammen von früh blühenden Bäumen wie Hasel und Erle. Als nächstes folgt die Birke. Von Mai bis etwa September sind Gräser, vor allem Lieschgras, und Getreide, insbesondere Roggen, potente Auslöser. Im Herbst haben dann noch verschiedene blühende Kräuter bzw. "Unkräuter" als reich mit Pollen(allergenen) gesegnete Pflanzen Saison.
Rauchende Eltern, allergische Kids?
Ein machtvoller Risikofaktor ist der blaue Dunst: Kinder, die ständig Zigarettenrauch ausgesetzt sind, haben ein deutlich erhöhtes Allergierisiko. Rauchfreies Aufwachsen trägt maßgeblich zur Allergievorbeugung bei. Bei Asthma ist eine Umgebung ohne Tabakrauch geradezu ein "Muss" – für Kinder wie für Erwachsene.
Allergien: In die Wiege gelegt?
Die Tatsache, dass in ein- und derselben Familie ein Mitglied Neurodermitis, ein anderes Asthma und wieder ein anderes Heuschnupfen haben kann, belegt ganz klar: Allergien haben auch einiges mit Veranlagung zu tun. So weiß man heute, dass das Erkrankungsrisiko der Kinder um ein Vielfaches steigt, wenn beide Eltern in der einen oder anderen Richtung belastet sind. In Zahlen sieht das für die Nachkommen so aus:
• Kein Familienmitglied allergisch: Allergierisiko 10 bis 15 Prozent
• Ein Elternteil/Geschwister allergisch: Allergierisiko 30 Prozent
• Beide Eltern allergisch: Allergierisiko 60 bis 80 Prozent
Die Hygiene-Hypothese
Bei der Diskussion über die Ursachen von Allergien geht es immer wieder auch um die sogenannte Hygiene-Hypothese. Als Beispiel dient allergisches Asthma, das ja oft an Heuschnupfen oder eine Allergie gegen Hausstaubmilben (verursacht ebenfalls allergischen Schnupfen!) gekoppelt ist. Da wurde nun festgestellt, dass Kinder, die auf dem Lande oder Bauernhof aufwachsen, offenbar seltener als Stadtkinder erkranken. So könnten die ländliche Umgebung mit ihrer größeren Artenvielfalt und Lebensformen, bei denen Mensch, Tier und Natur noch im Einklang miteinander sind, das kindliche Immunsystem besser trainieren als ein "steriles Milieu" städtischer Prägung. Dazu passt auch die Beobachtung, dass Kinder, die mit Geschwistern groß werden oder regelmäßig eine Kinderkrippe besuchen, seltener Allergien bekommen. Die Hygiene-Theorie wird zur Zeit genauer untersucht. Einige Forscher haben Zweifel an dieser einfachen Hypothese geäußert.
Bei der Neurodermitis, die letztlich auch zu den allergischen Erkrankungen gehört, spielt sie wohl keine Rolle.
Wirklich empfindliche Nasen!
Tabakrauch ebnet also Allergien den Weg. Dazu passt auch, dass von allergischem Schnupfen Betroffene oft eine irritierbare Nasenschleimhaut haben, was bestimmte
Reizstoffe angeht, in der Tat insbesondere "Zigrettenqualm". Auch Stäube, Duft- und Aromastoffe, ja sogar Temperaturunterschiede oder körperliche Anstrengung können zum Problem werden: Es kommt zu typischen Beschwerden – den leidigen Niesanfällen, Fließschnupfen, verstopfter Nase. Nicht ungewöhnlich ist auch, dass sich im Lauf der Zeit eine Nasenmuschel im Inneren der Nase vergrößert (Hyperplasie). Die chronisch-allergische Entzündung der Nasenschleimhaut führt nicht selten auch zur Bildung von Polypen, gutartigen Wucherungen. Das Riechvermögen kann beeinträchtigt werden oder verloren gehen. Beides, Hyperplasie und Polypen, können die Nasenatmung behindern. Mögliche Folge: chronische Nasennebenhöhlenentzündungen.
Im Dunstkreis der Allergie: Neurodermitis
Nahezu jedes dritte Schulkind hat allergische Symptome, etwa juckende, tränende oder rote Augen, eine laufende oder verstopfte Nase, Husten, Atembeschwerden. Und wenn ein Kleinkind sich mit juckendem, schuppigem Ausschlag und trockener Haut herumplagt, beispielsweise an den Oberarmbeugen und Kniekehlen, so ist das verdächtig auf eine Neurodermitis (auch atopisches Ekzem genannt).
Oft tritt diese Hautkrankheit schon nach dem dritten Lebensmonat auf, wenn das Baby erstmals mit Fremdstoffen in Nahrungsmitteln (Kuhmilcheiweiß) in Berührung kommt. Die betroffenen Säuglinge haben einen stark juckenden Ausschlag auf der Stirn und Kopfhaut, der auch den Rücken und die Streckseiten der Arme und Beine erfassen kann. Die Haut ist gerötet, schuppig, es können sich Blasen bilden, die zum Nässen und zur Keimbesiedelung neigen, und Krusten (Milchschorf). Milchschorf kann harmlos verlaufen und wieder vergehen. Wenn er jedoch stark nässt und juckt, entspricht er meist einer Frühform der Neurodermitis. Vor allem hat er primär nichts mit einer Allergie gegen Kuhmilcheiweiß zu tun. Eine solche ist eher zu vermuten, wenn ein Säugling aufs Fläschchen immer wieder mit Durchfall oder Bauchschmerzen reagiert oder, was weniger bekannt ist, wenn ein Kind ständig hustet oder andere asthmaähnliche Symptome zeigt. Mit der Zeit verändert eine Neurodermitis ihr Erscheinungsbild, wechselt die Lokalisation und prägt die Beschaffenheit der befallenen Haut. Die Ausschläge können sehr wechselhaft (in Schüben) verlaufen, schließlich auch zurückgehen.
Nicht selten markiert die Neurodermitis aber doch den Beginn einer "allergiebereiten" Lebenslinie. Häufig ist nämlich eine Sensibilisierung gegen Luftallergene, zum Beispiel Pollen, oder Nahrungsmittelbestandteile wiel Kuhmilcheiweiß eingetreten, was inzwischen offenbar bei fast jedem fünften Kind der Fall ist, oder bereits eine Allergie. Natürlich kommt es auch vor, dass Menschen eine Neurodermitis haben, jedoch weder sensibilisiert noch allergisch sind. Die Umstände, unter denen es zu Neurodermitis kommen kann, sind sehr vielfältig. Sie reichen von Veranlagung über Umwelteinflüsse bis hin zu klassischen Auslösern eines allergischen Schnupfens, etwa Pollen (in diesem Fall also Heuschnupfen), Hausstaubmilben, Schimmelpilzsporen oder Tierhaare.
Ärger mit der Allergen-Verwandschaft?
Kompliziert zu werden verspricht es auch bei einem weiteren allergischen Phänomen, nämlich der Kreuzallergie: So reagiert manchmal das Immunsystem von Kindern oder Erwachsenen, die zum Beispiel auf Birkenpollen allergisch sind, auch auf pflanzliche Nahrungsmittel, etwa eine bestimmte Apfelsorte, Haselnuss, Karotte und anderes allergisch. Die Ursache liegt in der Verwandtschaft beziehungsweise strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den Pflanzenallergenen.
www.apotheken-umschau.de;
16.11.2005, aktualisiert am 20.03.2012
Bildnachweis: W&B/Winfried Fischer, PhotoDisc/ RYF, Digital Vision/ RYF, W&B/ Szczesny, Panthermedia/Ines Pérez Navarro
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