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Kräuter: Altes Wissen neu entdeckt

Die Hausmittel und Rezepturen unserer Vorfahren werden zunehmend beliebter


In manchen Kräutern steckt mehr als nur ein guter Duft

Schon Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) wusste: Heilkräuter aus der heimischen Umgebung tun Körper und Seele gut. Vertrugen Patienten seine berühmten Wasseranwendungen nicht, behandelte er sie sogar ausschließlich mit Tees, Wickeln und Bädern – nach eigener Aussage mit „bestem Erfolg“.

Welche Kraft in den Pflanzen steckt, die vor der Haustür wachsen, wusste der Priester und Therapeut seit seiner Kindheit. Kneipps Mutter war in seinem Geburtsort, dem oberschwäbischen Stephansried, als Kräuterkundige bekannt.


Der Sohn griff auf dieses Wissen zurück – die „Heukur“ ist bis heute ein Teil der nach ihm benannten Therapie. Ende des 19. Jahrhunderts empfahl er Umschläge und Bäder mit einem Sudaus Heublumen, weil sie „die kranken Stoffe herausziehen und auf diese Weise ableitend wirken“. Für seine Anwendungen wählte Kneipp den besten Teil des Heus: die getrockneten Blumen und Blüten, die beim Lagern durch die Ritzen des Scheunenbodens fielen.

Eine Behandlung bei dem berühmten Badearzt in Bad Wörishofen konnte natürlich nicht jeder erhalten. „Erster Ansprechpartner war daher der Apotheker“, sagt Dr. Stephan Schultes, Apotheker aus Altomünster (Kreis Dachau).

Einzigartige Rezepturen

Für die Menschen vor 150 Jahren gab es kaum einen besseren Berater in Sachen Haut und Kosmetik. Der Apotheker rührte Salben und Cremes gegen Pickel oder Rötungen an, siedete Seifen für Kunden, die gut riechen wollten, oder mischte bei Bedarf ein Haarwasser gegen Schuppen und Haarausfall. Alles nach eigenen, individuellen Rezepten, manchmal nur für einen einzigen Kunden erdacht und hergestellt – und akribisch notiert und aufbewahrt.

Peter Schultes ist diesen alten Aufzeichnungen auf der Spur, Unterstützung bekommt er von Kollegen aus ganz Bayern. „Unsere Vorgänger haben riesige Rezeptur-Schätze hinterlassen, von denen wir profitieren können“, sagt der Pharmazeut. Heute stellt er in seiner Apotheke Kosmetika nach den alten Anleitungen her, nur wenn nötig stimmt er die Formeln auf moderne Anforderungen ab. Die Seifen und Salben sollen den Ansprüchen der Naturkosmetik genügen.

Kein Problem: Mineralöle, synthetische Konservierungsstoffe oder Silikone kannten die Rezeptmischer des 19. Jahrhunderts nicht. Stephan Schultes ist übrigens auch bei einer Kollegin Kneipps fündig geworden: Die „Doktorbäuerin“ Amalie Hohenester (gestorben 1878) betrieb ein Kurbad im oberbayerischen Mariabrunn, sogar Kaiserin Sisi ließ sich von ihr behandeln.

Mehr als 130 Jahre später stellt Schultes eine Salbe gegen Hautunreinheiten nach den Rezepten der Laientherapeutin her. Heilkundler wie Kneipp und Hohenester sieht er als Begründer dessen, was wir heute „Wellness“ nennen.

Moderne Wellness-Anwendungen, etwa die Kräuterstempel-Massage, beruhen auf dem Wissen unserer Vorfahren. „Früher haben die Bauern, nachdem ihre Wiesen abgeerntet waren, abends ein Büschel Heu im Wasserkessel erwärmt und damit ihre Blessuren kuriert“, erzählt Liane Jochum, Expertin für Naturkosmetik und Buchautorin aus Bad Endbach.

Kräuter aus der Umgebung

Wer von einer Kräuterstempel-Massage hört, denkt meistens an die zupackende asiatische Variante, bei der in Sesamöl frittierte Gewürze aus der ayurvedischen Küche in den Stempel-Säckchen stecken. Für die sanftere europäische Form werden nur Kräuter verwendet, die auch in unseren Breiten vorkommen – zum Beispiel Kamille, Lavendel, Melisse, Salbei oder Ringelblume – und aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. „Sowohl die Kräuter als auch die Baumwolle für die Stempel sollten frei von Pestiziden sein, damit diese nicht die Haut belasten“, erklärt Liane Jochum.

Fertig gewickelte Stempel werden über Wasserdampferwärmt, denn nur so lösen sich die Wirkstoffe der Kräuter und können in die Haut eindringen. Zu Beginn wird der Körper mit Öl eingerieben. Liane Jochum empfiehlt naturreine Pflanzenöle, zum Beispiel Mandel- oder Jojobaöl. Anschließend folgt die Massage mit dem Säckchen: sanfte Klopfungen und Ausstreichungen. Kühlt ein Stempel aus, wird er ausgetauscht.

Effektive Mischung

Die Stempelmassage beruht auf ähnlichen Prinzipien wie die Kneipp’schen Wickel oder andere Kräuterauflagen. Mit einem Unterschied: „Die Mischung aus Öl, Wärme und Massage bewirkt, dass der Körper die Wirkstoffe der Kräuter besonders gut aufnehmen kann“, sagt Jochum.

Für sie sind die Stempel richtige „Wirkstoff-Pakete“, die die Zellneubildung anregen und der Haut helfen, sich zu regenerieren. Diese Wirkung lässt sich für eine Gesichtsmassage nutzen (etwa mit Rosenöl und Kräutern wie Kamille und Lavendel) oder für die Linderung von Gelenkschmerzen.

Auf die Massage verzichten sollte man bei Hautkrankheiten, Entzündungen, Fieber oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie bei Unverträglichkeitsreaktionen auf bestimmte Kräuter. Schwangere sollten mit ihrem Arzt Rücksprache halten. Für Gräserpollen-Allergiker besteht kein Risiko, da die Kräuter bereits abgeblüht sind.



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Nadja Katzenberger / Apotheken Umschau; 05.10.2010
Bildnachweis: iStock/Mediaphotos

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