Wenn die Haut nach dem Baden rote Flecken zeigt, eine neue Creme unangenehme Spannungen verursacht oder die Kopfhaut nach der Haarwäsche juckt, liegt die Selbstdiagnose nah: Es muss eine Allergie sein. Betroffene klagen über ihre empfindliche Haut, wechseln zu natürlichen Produkten oder verwenden weniger Kosmetika.
Doch nicht hinter jeder unangenehmen Hautreaktion steckt tatsächlich eine Allergie. Eine weitere mögliche Ursache ist eine Irritation. In beiden Fällen kann ein Ekzem auftreten, das sich in Form von Juckreiz, Brennen, Rötungen oder Bläschen äußert.
„Ein entscheidender Unterschied ist die Zeit“, erklärt Professor Thomas Bieber, Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie des Universitätsklinikums Bonn. Bei einer Allergie zeigt sich die Veränderung meist erst ein oder zwei Tage nachdem der allergieauslösende Stoff die Haut berührt hat.
Anders bei einer Irritation: „Spätestens nach drei bis sechs Stunden ist die Haut hier gerötet, juckt oder wirft Blasen“, erläutert Experte Bieber. Schon beim Auftragen der Creme können Betroffene ein unangenehmes Brennen oder ein Spannungsgefühl spüren.
Allergien entstehen unbemerkt
Bei einer Allergie der Haut handelt es sich meist um eine Kontaktallergie. Es kommt zu einer Reaktion, nachdem das Allergen die Haut berührt hat. Das geschieht durch direkten Kontakt, etwa mit Make-up oder Cremes, oder über die Luft, etwa bei Lacken und Farben. Allerdings reagiert der Körper nicht sofort abwehrend, sondern erst nach einer Sensibilisierung, welche die Betroffenen meist gar nicht bemerken.
Dabei dringt das Allergen in Haut und Körper ein, wird dort als Fremdstoff wahrgenommen und als solcher bekämpft. An diese Abwehrreaktion „erinnert“ sich das Immunsystem beim nächsten Kontakt und setzt eine allergische Reaktion in Gang.
Besonders häufig lösen Metalle wie Nickel, Chrom und Kobalt, aber auch Duft- und Konservierungsstoffe sowie Emulgatoren eine Allergie aus. „Sobald neue Stoffe in Kosmetikprodukten verwendet werden, rollt bei uns eine ganze Welle von Patienten an, die darauf reagieren“, berichtet Bieber.
Die Haut kann auch auf irritierend wirkende Stoffe reagieren, ohne dass es sich um eine Allergie handelt. Ein typisches Beispiel sind Brennnesseln. Sie stechen und brennen, starten aber im Körper nicht die Mechanismen einer Allergie.
Die in vielen Deodorants eingesetzten Aluminiumsalze irritieren die Haut ebenfalls. Manchmal lösen sie dabei so starke Beschwerden aus, dass ein Hautarzt helfen muss. Ähnlich wirken in hohen Dosen Reinigungs- und Desinfektionsmittel, Alkohol oder sogar Wasser.
Risikofaktor trockene Haut
Besonders häufig leiden Menschen mit trockener, empfindlicher Haut unter Irritationen und Allergien. Auch wenn Mediziner noch nicht definieren können, was empfindliche Haut eigentlich ausmacht, so ist eines klar: „Die Haut erfüllt ihre Barrierefunktion nicht mehr“, erläutert Inge Zahn, Apothekerin in Gera. Eine intakte Hautbarriere aber ist entscheidend für die Abwehr von Chemikalien.
Für trockene, empfindliche Haut gibt es verschiedene Ursachen. Bei manchen Menschen liegen genetische Faktoren zugrunde, andere leiden unter dem Einfluss von Wind, Kälte und Sonne. Besonders gefährdet sind Ältere und Kinder. Auch der ständige Kontakt mit Wasser – ob im Beruf oder durch häufiges Duschen oder Baden – trocknet die Haut aus.
„Die Hornschicht der Haut muss man sich wie eine Mauer vorstellen“, erklärt Thomas Bieber. „Die Bausteine – die Zellen – werden durch Mörtel zusammengehalten.“ Dieser Haut-Mörtel besteht aus verschiedenen Lipiden. Verändert sich ihre Zusammensetzung, bröckelt der Mörtel, der Kontakt zwischen den Bausteinen wird lose und durchlässig. „Dann können Allergene viel leichter in die Haut eindringen“, erläutert Inge Zahn.
Gefährdete Berufsgruppen
Durchdringen die Stoffe die obere Hautschicht, werden sie von speziellen Zellen eingefangen und dem Immunsystem präsentiert – eine allergische Reaktion kommt in Gang. Besonders häufig betroffen sind etwa Maurer. Bei ihnen entwickelt sich durch den ständigen Kontakt mit Zement zuerst eine chronische Entzündungsreaktion und später eine Allergie gegen Inhaltsstoffe wie Chrom und Kobalt. Aber auch für Friseure und Reinigungskräfte besteht durch den häufigen Umgang mit Chemikalien ein hohes Risiko.
Ein Spezialfall sind Neurodermitiker. Ihre Hautbarriere ist besonders durchlässig, während zugleich ihr Immunsystem überempfindlich auf Reize reagiert. Deshalb können Allergene wie Hausstaub oder Pollen einen Krankheitsschub auslösen, fremde Stoffe die Haut schnell irritieren.
Detektivarbeit des Dermatologen
Wie erkennen Betroffene, ob es sich bei Hautveränderungen um eine Allergie oder eine Reaktion empfindlicher Haut handelt? „Das kann nur der Facharzt entscheiden“, sagt Thomas Bieber. Es gibt etwa 5000 verschiedene dermatologische Diagnosen. „Wichtig ist für uns, unter welchen Bedingungen eine Hautveränderung entstanden ist. Dann können wir zum Beispiel mit einem Epikutantest die Reaktion auf verschiedene Allergene testen.“ Aus den einzelnen Elementen schließen die Allergologen detektivisch auf den Auslöser.
Eine solche Diagnosefindung dauert eine Weile. Als Soforthilfe rät der Experte: „Kühlen lindert den Juckreiz.“ Außerdem sollte man bei einer akuten Reaktion das betreffende Kosmetikprodukt absetzen, eventuell sogar eine Creme mit Hydrocortison aus der Apotheke auftragen. Hausmittel wie Melkfett und Ringelblumensalbe bleiben in diesen Phasen am besten im Schrank, sagt Thomas Bieber. „Sie lösen häufig selbst eine Kontaktallergie aus.“
Das kann der Arzt tun:
Mit einem Epikutantest stellt der Arzt fest, worauf die Haut allergisch reagiert. Er klebt Pflasterstreifen mit verdächtigen Stoffen auf den Rücken des Patienten. Diese unter- scheiden sich je nach dessen Beruf und Krankengeschichte. Auch Hautreaktionen auslösende Deos oder Cremes können in den Test einbezogen werden. Nach 48 Stunden zieht der Arzt die Streifen ab, registriert die Hautreaktion und wiederholt den Test für weitere 24 Stunden. Die Ergebnisse trägt er in den Allergiepass ein.
Mögliche Auslöser von Allergien auf Kosmetika
Annett Zündorf / Apotheken Umschau;
01.07.2011
Bildnachweis: Strandperle/imagebroker, Getty Images/Stone, Thinkstock/PhotoDisc
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