Wild und neu ist die Zeit des Erwachsenwerdens. Äußerlich zeigt sich das in den meisten Fällen allenfalls in moderater Rebellion – einem Ring in der Lippe, flegelhaftem Gebaren, melancholischer Tagträumerei. Doch im Kopf findet tatsächlich eine Revolution statt: ein Massenabbau von Nervenverbindungen zugunsten neuer komplexer Netzwerke. Diese erst befähigen den jungen Menschen zur Reflexion über die eigenen Gedanken und damit zur Eigenständigkeit. Psychologen der Universität von Oregon (USA) dokumentierten vor Kurzem, wie sich die Aktivität des Stirnhirns bei 10- bis 13-Jährigen messbar steigert, wie sie deshalb anfangen, selbstständig zu denken und so ihren „eigenen Kopf“ entwickeln.
Dass der Mensch im Lauf eines langen Lebens verschiedene geistige und charakterliche Zustände durchläuft – von der meist sonnigen Kindheit über die rebellische Jugend bis hin zur gefestigten, manchmal sogar starrsinnigen Persönlichkeit im Alter – ist eine uralte Alltagsbeobachtung. Doch erst seit einigen Jahren verstehen Hirnforscher und Psychologen, welche Prozesse genau hinter dieser Entwicklung stecken. Dabei zeigt sich: Kinder sind weit mehr als bloß kleine „Kopierapparate“. Jugendliche lernen noch einmal neu zu denken, und Erwachsene können tatsächlich bis ins Alter geistig beweglich bleiben, wenn sie ihre grauen Zellen nur ordentlich auf Trab halten.
Neugeborene lernen schnell
Absolut unschlagbar jedoch ist das Leistungsniveau des menschlichen Gehirns kurz nach der Geburt. Neugeborene lernen in wenigen Wochen, Formen und Bewegungen zu verstehen. Früh erkennen sie Gesichter vertrauter Personen und wissen mit einem halben Jahr, wie die Schwerkraft wirkt und dass Gegenstände weiter existieren, auch wenn man sie nicht sieht. Neben dem Begreifen einer fremden Welt gilt ihre unverbrauchte geistige Kraft auch dem Verständnis sozialer Mechanismen.
Dabei spielen sogenannte Spiegelneurone offenbar eine wichtige Rolle. Es handelt sich um Nervenzellen, die beim Beobachten einer Tätigkeit in gleicher Weise erregt werden wie beim aktiven Ausführen einer Aktion. Experten glauben, dass sie die Grundlage für imitierendes und soziales Verhalten bilden. Emotionen verstärken den Kopiervorgang. Was dem Säugling also bedeutsam erscheint, legt er auf diese Weise direkt als eigene Handlungsmuster an.
Wählerische Babys
Schon wenige Tage alte Kinder „antworten“ auf das Herausstrecken der Zunge, indem sie Gleiches tun. „Echte Imitation bedeutet aber, dass nicht bloß eine Bewegung nachgemacht, sondern auch ihr Ziel verstanden wird“, erklärt Dr. Moritz Daum vom Leipziger Max-Planck-Institut für Neurowissenschaften. „Diese Fähigkeit haben Kinder mit etwa neun bis zwölf Monaten.“ Der Psychologe hat in den vergangenen Jahren interessante Details zum Lernprozess der Kleinsten entdeckt.
So ist es nicht ganz unerheblich, wer den Kindern etwas vormacht und warum. „Einjährige machen Kompetenzunterschiede“, sagt Daum. „Bei neuen Dingen vertrauen sie eher erwachsenen Vorbildern, Vertrautes dagegen machen sie lieber gleichaltrigen Spielkameraden nach.“
Kleinkinder lernen per Nachahmung
Auch ordnen die Knirpse bereits die Bedingungen ein, unter denen eine
Aktion erfolgt, wie Daum und seine Mitarbeiter in Experimenten zeigten. Sie führten 14 Monate alten Kleinkindern vor, wie man eine Lampe mit der Stirn anknipst. Der unkonventionellen Methode folgten die jungen Probanden aber nur, wenn der Vormacher sich vorher kompetent verhalten hatte, sich zum Beispiel korrekt einen Schuh über den Fuß zog. Hatte er dagegen widersinnig einen Handschuh über den Fuß gestülpt, kopierten die Kleinen die Handlung des unkonventionellen Anknipsens deutlich seltener. „Kinder in diesem Alter imitieren selektiv, sie treffen also eine genaue Auswahl ihrer Lerninhalte“, sagt Daum.
Interessanterweise ändere sich das etwas später, wie der Entwicklungspsychologe berichtet: „Zweijährige machen relativ kritiklos alles nach.“ Das tun sie möglicherweise auch deshalb, weil in dieser Zeit das Gehirn die Königsdisziplin sozialer Fähigkeiten beherrschen lernt – die Sprache. Deren Erwerb geht nicht ohne massive Umbauten im Nervensystem vonstatten.
Sprache beeinflusst die Wahrnehmung
Das Gehirn teilt sich dafür gewissermaßen: Eine Seite – meist die linke – übernimmt die Sprache, die andere spezialisiert sich stärker auf die Wahrnehmung von Körper und Raum. „Die Sprache beeinflusst andere geistige Funktionen sehr stark“, sagt Moritz Daum. Das Verständnis von Handlungen beschleunigt und erweitert sich durch den Spracherwerb, wie der Psychologe untersucht hat. Begrifflichkeiten helfen zudem, ein semantisches Gedächtnis aufzubauen, also eine Art inneres Lexikon.
Eng damit verknüpft ist offenbar auch die Anlage des biografischen Gedächtnisses, also der Erinnerung an persönliche Erlebnisse. Sie besteht erst ab dem dritten Lebensjahr, zuvor Erlebtes fällt der „frühkindlichen Amnesie“ zum Opfer. Damit Ereignisse erinnert werden können, muss außerdem ein Konzept von Zeit bestehen. Ohne dieses „Gitter“ kann das Gedachte kaum datiert werden.
Entstehung des "Ich"-Bewusstseins
Mit anderthalb Jahren entwickeln Kinder auch ein Gefühl für die eigene Identität. Malt man ihnen einen Fleck auf die Wange und hält ihnen einen Spiegel vor, deuten sie auf das eigene Gesicht – nicht auf das Spiegelbild. Dieses Konzept vom „Selbst“ bestimmt auch die notorische Trotzphase. Zweijährige merken, dass ihre Wünsche und Interessen nicht immer deckungsgleich mit denen ihrer Umwelt sind – ein Konflikt, den sie ausgiebig austesten.
Haben die Kinder so aber ein Ich-Gefühl ausgeprägt, fangen sie an, auch andere Identitäten zu begreifen. Erst mit vier Jahren verstehen sie, dass Individuen abhängig von subjektiven Erfahrungen unterschiedliche Gedanken haben. „Theory of mind“ nennen Experten diese Fähigkeit des Menschen, eigene Vorstellungen von denen anderer zu unterscheiden – eine psychologische Leistung, die komplexe soziale Beziehungen erst ermöglicht.
Distanz zu den Eltern
Entsprechend fangen Kindergartenkinder auch an, andere Bezugspersonen als die Eltern zu suchen und Freundschaften einzugehen. Ernst wird es mit der Abnabelung aber erst zehn Jahre später: In der Pubertät reift nicht nur der Körper, auch der Geist bereitet sich darauf vor, bald eigene Wege zu gehen. Die Jugendlichen distanzieren sich von der Elterngeneration und suchen eigene soziale Strukturen, die sie durch Mode, Musik und Sprache mitunter drastisch kenntlich machen.
Neuere Forschung hat gezeigt, dass für den Sturm und Drang nicht allein die einschießenden Sexualhormone verantwortlich sind, sondern dass umfangreiche Umbauten im Gehirn das Flüggewerden vorbereiten.
Pubertät: Gehirn im Umbruch
Die vielen hundert Billionen Nervenverbindungen, die das kindliche Gehirn für sein enormes Lernpensum ausgebildet hat, werden zu einem beträchtlichen Teil wieder gekappt. Dadurch denkt der junge Mensch effizienter, und seine Persönlichkeit festigt sich. Vor allem das Stirnhirn bildet sich nun richtig aus. Diese wortwörtliche Krone geistiger Entwicklung kontrolliert das Verhalten, indem es etwa Schamgefühl und Moralvorstellungen anlegt – offenbar gerade rechtzeitig. Denn wie die Wissenschaftler aus Oregon mithilfe der Kernspintomografie herausfanden, wird die Hirnregion genau dann besonders aktiv, wenn der Mensch verstärkt nach neuen Vorbildern sucht.
So stellt das Gehirn Kapazitäten bereit für ein gewisses Gegengewicht zu jugendlicher Neugier und Offenheit. Das schützt vor allzu riskantem Verhalten und hilft, eigene Meinungen und Prinzipien zu finden. In diesem Sinn beginnen Heranwachsende auch, über ihre eigenen Gedanken zu reflektieren. Metakognition – also das Denken über Gedanken – sei überhaupt erst im zweiten Lebensjahrzehnt möglich, folgern Neurowissenschaftler der US-amerikanischen Georgetown-Universität aus ihren Studien. Denn erst dann beginne das sogenannte Default-Mode-Netzwerk im Takt zu arbeiten.
Feinschliff im jungen Erwachsenenalter
Dieses besteht aus fünf Hirnregionen, die miteinander kommunizieren, wenn der Mensch tagträumt, sinniert, über sich und seinen Platz im Leben nachdenkt. Erst mit dem Ende der Pubertät sind die Zentren vollständig synchronisiert, haben die Forscher festgestellt. Letzten Feinschliff erfahren die Hirnwindungen noch etwa bis zum dreißigsten Lebensjahr. Dementsprechend sind Intelligenz und Persönlichkeitsentwicklung im jungen Erwachsenenalter noch ausbaufähig. Gerade akademische Größen profitieren ja naturgemäß noch einmal besonders von der Studentenzeit.
Danach allerdings geht es langsam, aber stetig bergab: Das Gehirn wird wieder kleiner. Doch führt das nicht unmittelbar zu einem Nachlassen der kognitiven Stärke, wie neuere Studien zeigen. „Das Gehirn ist noch relativ lange in der Lage, Verluste auszugleichen“, sagt Professor Michael Falkenstein vom Institut für Arbeitsforschung der Technischen Universität Dortmund.
Allmählicher Rückgang
Dort untersucht der Mediziner und Psychologe die Geistesstärke mittlerer Jahrgänge. Messbar ist, dass die sogenannte fluide Intelligenz bereits im vierten Lebensjahrzehnt langsam nachlässt. Als solche bezeichnet man Eigenschaften wie Denktempo oder Merkfähigkeit. Doch hilft sich das Nervensystem, erklärt Falkenstein: „Es beansprucht für Denkaufgaben mehr Zellen.“ Die Kompensation von Klasse durch Masse gelingt recht gut: Bei psychologischen Leistungstests schneiden Sechzigjährige oft noch annähernd so wie Jüngere ab. Auch kann der Mensch die abnehmende fluide Intelligenz durch einen Zuwachs an kristalliner Intelligenz ausgleichen, also durch den Erwerb von Wissen und Erfahrung.
Beide Mechanismen greifen aber nur, wenn Gehirn und Geist ausreichend gefordert werden. Falkensteins Team ließ Probanden bestimmte Objekte kategorisieren, also etwa Obst und Gemüse unterscheiden. Dabei wechselten die Unterscheidungsmerkmale: Mal mussten die Teilnehmer nach Pflanzenart sortieren, mal nach Größe. Schon Mittvierzigern fiel der Aufgabenwechsel schwer, wenn sie einer monotonen Arbeit nachgingen. Geistig rege Menschen hingegen kamen gut mit.
Regeneration im Alter
Lebenslanges Lernen lohnt sich also. Wie ein Muskel kann das Gehirn im Training bleiben und so langsamer altern. Seit einigen Jahren weiß man, dass Nervenzellen sich noch im Alter erneuern können. „Die Bilanz bleibt aber negativ“, relativiert Michael Falkenstein die gute Botschaft. Ein 80-jähriges Gehirn sei messbar geschrumpft, auch wenn kein degeneratives Leiden wie die Alzheimer-Krankheit vorliege.
Manche Experten glauben aber, dass in dem Rückgang von geistiger Flexibilität und Spannkraft auch ein gewisser Vorteil liegen könnte: Für einen Menschen im mittleren bis gesetzten Alter, mit Beruf, Familie und Verantwortung, ist es eher hilfreich, einmal eingeschlagene Wege beizubehalten, statt sich ständig neu auszuprobieren.
Dr. Christian Guht / Apotheken Umschau;
16.08.2011
Bildnachweis: Corbis/Image Source, Moodboard, Tomas Rodriguez, Vario images/Image Source (2), W&B/Dr. Ulrike Möhle
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