Apothekerin Anke Grabow leitet eine Apotheke in Berlin-Mitte und hat eine Heilpraktiker-Ausbildung absolviert
Frau Grabow, wie viele Ihrer Kunden mit Husten und Schnupfen besuchen eigentlich noch einen Arzt, bevor sie in die Apotheke kommen?
Wir stellen fest, dass kaum jemand wegen einer Erkältung zum Arzt geht. Das Warten auf einen Termin, die ohnehin meist nur kurze Beratung, die Praxisgebühr – das alles führt die Menschen eher in die Apotheke. Auch bei vielen anderen Beschwerden sind wir die erste Anlaufstelle, zum Beispiel bei Regelschmerzen oder kleinen Verletzungen.
Bedeutet es für den Apotheker nicht eine sehr große Verantwortung, wenn der Kunde vorab keinen Arzt konsultiert?
Doch, natürlich, aber das gehört zu unseren Aufgaben. Wir müssen gerade bei Selbstmedikation ausführlich beraten und aktiv nachfragen, um etwa Wechselwirkungen auszuschließen. Auch bei pflanzlicher Medizin trifft das zu, obwohl die Mittel viel nebenwirkungsärmer sind als Präparate der Schulmedizin.
In welchen Fällen bitten Sie einen Kunden, besser zum Arzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen?
Wenn ein akutes Leiden, zum Beispiel Husten, sich nicht innerhalb von zwei bis drei Tagen deutlich bessert. Oder wenn dieselbe Erkrankung sehr oft oder kurz hintereinander auftritt. Am besten können wir solche Entwicklungen natürlich verfolgen, wenn jemand bei uns Stammkunde ist. Dann wissen wir immer, welche Medikamente gegen welche Beschwerden er gerade einnimmt.
Welchen Beratungsbedarf gibt es speziell bei pflanzlichen Medikamenten?
Schwierig ist vor allem, dass sich hinter dem Oberbegriff Phytopharmaka unterschiedlichste Präparate verbergen. Tees zählen ebenso dazu wie Tinkturen und Säfte oder anthroposophische Mittel. Zudem variiert die Qualität der verarbeiteten Pflanzen. Ich empfehle in erster Linie Präparate aus dem nachhaltigen Pflanzenanbau, etwa von Firmen mit eigenen Anbauprojekten.
Stimmt es, dass pflanzliche Medikamente länger eingenommen werden müssen, ehe sie wirken?
Nein, das lässt sich so pauschal nicht sagen. Phytopharmaka, die akute Beschwerden lindern sollen, müssen rasch wirken. Aber es gibt Mittel, etwa zur Stärkung der Immunabwehr, die als längere Kuranwendung gedacht sind. Auch Präparate gegen Frauenleiden zeigen oft erst nach einigen Zyklen Effekte.
Was sind neben den geringeren Nebenwirkungen die wichtigsten Vorteile pflanzlicher Arzneien gegenüber chemischen Mitteln?
Sie heilen grundlegender. Sie bekämpfen oder unterdrücken nicht nur auf die Schnelle die lästigen Symptome, sondern sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren. Außerdem hat Phytotherapie oft ein breiteres Wirkungsspektrum. Zum Beispiel bei Husten: Ein chemisches Mittel stillt ihn entweder oder löst ihn, Thymian kann beides. Und schließlich wäre naturheilkundliche Medizin langfristig kostengünstiger. Dass die Kassen die meisten Phytopharmaka nicht mehr erstatten, empfinde ich als großen Fehler. Schulmedizin und Phytotherapie könnten sich optimal ergänzen.
Julia Rotherbl, Apotheken Umschau;
20.09.2011
Bildnachweis: W&B/Michael Hughes
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