Frauen mit einer „Birnenfigur“ – unproportional dicken Beinen im Verhältnis zum Oberkörper – bekommen oft zu hören: „Da hilft nur weniger essen und sich mehr bewegen.“ Selbst wenn sie den Rat beherzigen, bleiben die ungeliebten Fettpolster bei vielen unverändert bestehen. „Oft liegt in diesen Fällen ein Lipödem vor“, weiß Dr. Dominik von Lukowicz, Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie aus München. „Das ist eine symmetrische Fettvermehrung, die überwiegend an den Beinen auftritt und mit Wassereinlagerungen, Spannungs- und Druckschmerzen sowie einer erhöhten Neigung zu Blutergüssen verbunden ist.“
Lange galten Lipödeme als rein kosmetisches Problem. „Der Schweregrad der Erkrankung und die Folgen für die Patientinnen wurden unterschätzt“, sagt Professor Wilfried Schmeller von der Hanse-Klinik Lübeck, der die Leitlinien zum Lipödem mit erarbeitet hat. „Erst seit die Krankheit durch Fettabsaugung weitgehend geheilt werden kann, ist sie bekannter geworden.“
Im Ultraschall gut zu erkennen
Jahrzehntelang behandelten Ärzte Lipödeme mit entstauenden Maßnahmen wie Lymphdrainage und Kompression. „Damit bekommt man die Ödeme in den Griff“, berichtet Schmeller, „nicht aber die krankhafte Fettvermehrung.“ Deren Ursachen sind noch nicht völlig geklärt. „Hormonelle und erbliche Einflüsse machen die Kapillargefäße durchlässiger, sodass insgesamt mehr Lymphe anfällt, die zum Teil nicht ausreichend abtransportiert werden kann“, erklärt Schmeller. Die austretende Flüssigkeit sammelt sich zwischen den Fettzellen an und verursacht Stauungsbeschwerden (siehe Grafiken unten). „Die vergrößerten Fettzellen drücken zudem auf Blut- und Lymphgefäße und blockieren so den Abtransport der Lymphflüssigkeit“, sagt von Lukowicz. „Sie werden nicht mehr richtig versorgt, sterben ab und werden durch Bindegewebszellen ersetzt, die das Gewebe verhärten.“
Derartige Veränderungen lassen sich mit Ultraschall gut erkennen. „Je dichter das Fettgewebe, umso eindeutiger die Diagnose“, erläutert der Venenspezialist Dr. Florian Netzer aus München. Bei zwei Dritteln der Lipödeme seien darüber hinaus die Venen beteiligt: „Defekte Venen verstärken die Stauungsproblematik.“
Aus diesem Grund arbeiten ästhetische und Gefäßchirurgen zunehmend zusammen: „Wenn möglich, machen wir Venenbehandlung und Fettabsaugung in einem Eingriff“, betont Netzer. Der Venenexperte verschließt die defekten Venen mit minimalinvasiven Verfahren, der plastische Chirurg saugt anschließend die Fettzellen ab. „Je jünger die Frauen, umso größer ist der Handlungsbedarf“, meint Netzer. „Jüngere Patientinnen leiden mehr unter ihrem Aussehen als ältere und haben meist auch stärkere Beschwerden.“
Obwohl das Lipödem als Krankheit anerkannt ist, kommen die Kassen selten für die Fettabsaugung auf. „Private Versicherungen übernehmen oft einen Teil der Kosten“, sagt Schmeller. „Stellen Sie deshalb unbedingt einen Antrag auf Kostenerstattung.“
Die Ursache des Lipödems: ein Transportproblem
Normalzustand: Aus den Kapillargefäßen tritt Gewebeflüssigkeit aus, die die Lymphgefäße aufnehmen und abtransportieren. Weibliche Geschlechtshormone erhöhen deren Durchlässigkeit.
Krankheitsgeschehen: Aus den defekten Lymphgefäßen tritt vermehrt Lymphe aus, die sich zwischen den Fettzellen ansammelt. Diese nehmen einen Teil davon auf und schwellen an.
Endstadium: Die vergrößerten Fettzellen drücken auf Blut- und Lymphgefäße. Das erschwert den Abtransport der Lymphe. Die Fettzellen werden nicht mehr richtig ernährt und sterben ab.
Barbara Kandler-Schmitt / Apotheken-Umschau;
10.05.2011, aktualisiert am 10.05.2011
Bildnachweis: W&B/Szczesny, Superbild/ PHANIE
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