"Ich bin immer gerne Auto gefahren", erzählt Leonie M. Bis die 29-Jährige eines Tages gestresst von der Arbeit über die Autobahn heizt und plötzlich, ohne Vorwarnung, eine Panik-Attacke erleidet. "Von einer Sekunde auf die andere bekam ich fürchterliches Herzrasen, mir wurde schwindelig, ich wusste überhaupt nicht, was los war. Ich hatte einfach nur noch Angst, das Bewusstsein zu verlieren und in das nächste Auto zu krachen", beschreibt Leonie M. ihr schreckliches Erlebnis.
Von diesem Tag an hat die junge Frau Angst vor schnellen Autofahrten. Sie beginnt diese Situationen zu vermeiden, steigt auf die öffentlichen Verkehrsmittel um oder überlässt das Steuer ihrem Freund. "Das war natürlich eine Einschränkung, aber die Angst war einfach zu groß", erzählt sie. Wenn sie nicht vermeiden konnte, selbst über die Autobahn fahren, erlitt sie – wie befürchtet – jedes Mal eine Panik-Attacke.
Was ist Leonie M. passiert? Was hat die Panik-Attacke ausgelöst? "Solche Erlebnisse treten oft scheinbar aus heiterem Himmel auf", erklärt Professor Edgar Geissner, Psychologe an der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Häufig geht einer solchen Attacke aber eine längere Phase psychischer und physischer Erschöpfung voraus.
Die Gründe hierfür können ganz unterschiedlich sein. Bei Leonie M. war es eine Überforderung im Job. Oft treffen auch vielfältige Belastungen zusammen: etwa die Pflege eines kranken Angehörigen, finanzielle Sorgen, Arbeitsstress, Schulprobleme der Kinder oder vielleicht ein kraftraubender Hausbau. "Die Dauerbelastung muss überhaupt nichts mit der Situation zu tun haben, in der die Panik-Attacke auftritt", fügt Geissner hinzu.
Welche Symptome treten auf?
Leonie M. hat die typischen Symptome einer Panik-Attacke erlebt: Herzrasen, Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit und eine wahnsinnige Angst zu sterben. "Vor allem diese Furcht haben alle Panik-Attacken-Betroffenen", so Geissner. Viele haben das Gefühl zusammenzusacken, zu kollabieren. Bei manchen geschieht dies tatsächlich. Manchmal schlägt das Herz so stark, dass die Menschen glauben, ihr Brustkorb würde zerspringen.
Oft treten die plötzlichen Angstzustände in Situationen auf, in denen sich Menschen eingeengt, ja beinahe gefangen fühlen. Zum Beispiel im Stau, an der Supermarktkasse in einer langen Schlange oder im Gedrängel in der Fußgängerzone. Gedanken wie "ich kann nicht weg" oder "keiner hilft mir" sind typisch.
"Wenn die Panik-Attacke beginnt, ist es sinnvoll, sich klar zu machen, dass der Zustand nicht lange anhalten wird", rät Geissner. Nach spätestens zehn Minuten hat man in den meisten Fällen alles überstanden. Allerdings sind Menschen in diesem Ausnahmezustand nicht gerade kopfgesteuert.
Als Sofortmaßnahme rät der Psychologe zu bewusster Entspannung und Entkrampfung der Muskeln und vor allem zu ruhiger Atmung. Keine Schnappatmung und auch nicht in eine Tüte atmen – so wie früher empfohlen wurde. Es ist wichtig, sich aufrecht hinzusetzen, die Augen aufzulassen, sich auf die Umgebung, das Hier und Jetzt zu konzentrieren, nicht abzudriften.
So verläuft die Therapie
Kommt ein Patient mit Panik-Attacken zu Geissner und seinen Kollegen in die Klinik, dann therapieren die Psychologen ihn meistens mit Hilfe eines Konfrontationsansatzes, einer Technik aus der Verhaltenstherapie. Das läuft so ab: Als erstes lässt der Psychologe seinen Patienten ähnliche körperliche Symptome auslösen, wie dieser sie bei seinen Angstattacken erlebt.
Beispielsweise Kniebeugen oder andere Anstrengungen, solange bis starkes Herzklopfen auftritt oder eines der anderen mit Angst einhergehenden Symptome. So lernt der Patient, dass seine Angstreaktionen auch durch rein körperliche Auslöser hervorgerufen werden können und eigentlich etwas ganz Natürliches sind.
In einem zweiten Schritt nähert sich der Patient unter therapeutischer Begleitung immer weiter den gefürchteten und gemiedenen Situationen. Denn so wie auch Leonie M. das Autofahren vermieden hat, versuchen die meisten Panik-Attacken-Patienten, ihre Furcht einfach durch Vermeidung bestimmter Situationen abzuwehren. Dadurch wird die Hemmschwelle zu dieser Tätigkeit aber immer höher und die Furcht wächst nur weiter an.
Mit professioneller Hilfe tastet sich der Paniker immer weiter an den Auslöser seiner Furcht heran: In Leonies Fall waren das Gespräche über das Autofahren, dann kurze Strecken mit dem Auto auf der Landstraße zurücklegen, dann in Begleitung über die Schnellstraße fahren und irgendwann wieder alleine auf die Autobahn.
Auf diese Weise gewinnt der Patient die Kontrolle über seinen Körper und damit ein immenses Stück Lebensqualität zurück.
Wichtig ist laut Geissner – neben der anfänglichen therapeutischen Begleitung – das selbstständige Weiterüben. "So merkt der Patient, dass er die Attacken nicht nur dann im Griff hat, wenn der große Beschützer dabei ist, sondern dass er sie alleine meistern kann", so Geissner. Was aber auch wichtig ist: Die Patienten müssen wieder neu lernen, dass Angst zum Leben dazugehört. Sie müssen das Gefühl wieder akzeptieren lernen.
Auch Leonie M. fährt inzwischen wieder Auto. Nicht so gerne wie vor den Attacken, aber auch eine Autobahn ist für die junge Frau heute kein unüberwindbares Hindernis mehr.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
14.09.2011
Bildnachweis: Fotolia/lassedesignen
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