Der Junge mit dem Milchgesicht und der Flasche in der Hand tritt unsicher von einem Fuß auf den anderen, dann setzt er die Flasche an und trinkt. Im Hintergrund lachen zwei andere im gleichen Alter, sie sind höchstens fünfzehn. Die Kamera wackelt, dann zoomt sie auf die Flasche. Der Schriftzug „Wodka“ erscheint groß im Bild. Nach einer knappen Minute hat der Junge die halbe Flasche ausgetrunken. Er schaut stolz in die Kamera.
Bereits Zwölfjährige trinken
Das Filmchen kann man im Internet ansehen, es zeigt keinen Einzelfall. „Komasaufen“ oder „Binge-Drinking“ heißt das Ritual, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Alkohol zu trinken. Hochprozentiger Schnaps spielt die Hauptrolle – zur Tarnung in Tetrapaks gefüllt und geringfügig mit Saft verdünnt. Die meisten Trinker sind zwölf oder dreizehn Jahre alt, manche jünger. Viele wachen am nächsten Tag im Krankenhaus auf: zwei, drei Promille im Blut, Filmriss, entsetzte Eltern.
Mehr als 23 000 Kinder und Jugendliche landeten allein 2007 mit einer Alkoholvergiftung in der Klinik, heißt es im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. Das entspricht einer Steigerung um 143 Prozent, seit der Wert im Jahr 2000 erstmals erhoben wurde. Insgesamt ist der Alkoholkonsum Jugendlicher erfreulicherweise zurückgegangen, doch das rückt die Gruppe der Rauschtrinker stärker in den Mittelpunkt.
Aber wurde nicht früher schon viel getrunken? „Sicher“, sagt der Sozialpädagoge Johannes Olschewski, der in Berlin Jugendliche nach einer Alkoholvergiftung aufsucht und betreut. „Der Unterschied: Früher hat niemand innerhalb einer Viertelstunde eine Flasche Wodka gekippt. Warum das Trinken so exzessiv wurde, ist nicht ganz klar.“
Ebenfalls alarmierend: Immer mehr Mädchen trinken bis zur Bewusstlosigkeit. „Sie fangen meist ein Jahr früher an als Jungs und trinken häufiger. Bei den Jüngeren, unter 15-Jährigen, sind es mitterweile genauso viele Mädchen wie Jungs“, sagt Jörg Wolstein, Professor für Pathopsychologie an der Universität Bamberg.
Der Alkoholspiegel explodiert geradezu
Erwachsenen erscheinen die Gründe für die Trinkexzesse vielleicht banal: Leistungsdruck in der Schule, Schüchternheit, locker werden, endlich dazugehören. Gruppenzwang kann Johannes Olschewski nicht erkennen. „Eher Gruppendynamik: Wenn die Flasche bei Jungs die Runde macht, versucht jeder einen größeren Schluck zu nehmen als sein Vorgänger.“ Der Körper verträgt diese Mengen nicht. „Die normalen Anzeichen des Betrunkenwerdens bleiben aus, der Alkoholspiegel explodiert geradezu“, erklärt Sabine Lang, Koordinatorin des bundesweiten Projekts „HaLT – Hart am Limit“. Die Betroffenen werden ohnmächtig und wachen meist erst am nächsten Tag im Krankenhaus wieder auf. Wenn sie Glück haben, sitzt dann an ihrem Bett ein Sozialpädagoge wie Johannes Olschewski.
Beratung ohne Vorwürfe
Er arbeitet bei NachHaLT Berlin Mitte, das zum Caritasverband gehört. Ziel von HaLT ist es, die Jugendlichen noch in der Klinik anzusprechen: ohne Ärzte, ohne Eltern – und vor allem ohne Vorwürfe. Einige Tage später können sie zum Beratungsgespräch ins HaLTBüro kommen. Im Jahr 2008 haben Olschewski und seine Kollegin fast 260 Jugendliche in Berlin Mitte betreut. In diesem Jahr sind es bereits Ende September so viele gewesen. Sein Fazit: Die Unwissenheit der Jugendlichen ist groß. „Wenn ich erkläre, dass ein halber Liter Schnaps so viel Alkohol enthält wie acht Flaschen Bier, sind sie überrascht und entsetzt.“
Komatrinken kann nachhaltig schädigen. „Das jugendliche Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung. Wir gehen davon aus, dass es auch empfindlicher auf Alkohol reagiert“, sagt Jörg Wolstein. Bei jungen Menschen, die regelmäßig trinken, kommt es zu Gedächtnisstörungen; das Volumen des Vorderhirns, wo Gefühle und Handlungen koordiniert werden, nimmt ab. Wie stark sich diese Veränderungen auswirken, wissen die Forscher noch nicht.
Jugendschutz einhalten
Den 10- bis 14-Jährigen ist nicht klar, was sie tun. Aber wie auch? Kinder und Jugendliche sind beeinflussbar. Je mehr Werbung für Alkohol sie sehen, desto mehr trinken sie, zeigte eine Untersuchung des Kieler Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung. Experten kritisieren die Dauerpräsenz von Bier- und Schnapswerbung und deren positives Image schon lange.
Alkohol gilt zudem – anders als Tabak oder Cannabis – als anerkannt in unserer Gesellschaft. Er ist legal und leicht zu beschaffen, selbst für viele 14-Jährige. „Ich halte die Verfügbarkeit von Alkohol, zum Beispiel an Tankstellen, für ein echtes Problem“, hebt Jörg Wolstein hervor. „Aus Studien wissen wir, dass sich die Probleme der Jugendlichen reduzieren, wenn sie nicht mehr so leicht an Alkohol herankommen.“
Dafür das Jugendschutzgesetz zu verschärfen sei nicht notwendig, da sind sich Experten einig. „Das bestehende Gesetz muss nur eingehalten werden“, betont Wolstein. Zum HaLT-Projekt gehört daher auch Prävention, nicht nur bei Jugendlichen. Die Zusammenarbeit richtet sich an Schulen, Vereine und Festveranstalter. Sabine Lang fordert deshalb: „Besonders Erwachsene müssen genauer hinschauen und Verantwortung übernehmen.“
Hilfreiche Adressen
„Alkohol, wir reden drüber!“ Diesen kostenlosen Ratgeber für Eltern und andere Broschüren zum Alkoholkonsum können Sie im Internet herunterladen unter www.bzga.de (Infomaterialien/Suchtvorbeugung/Alkoholprävention).
Mehr zum HaLT-Projekt in Ihrer Nähe finden Sie im Internet auf www.halt-projekt.de unter „Projektstandorte“. Der Ratgeber „Von der Party in die Notaufnahme“ für Eltern steht dort zum Herunterladen bereit (unter „Ideenwerkstatt“) oder kann angefordert werden bei:
Stadt Nürnberg, Amt für Kinder, Jugendliche und Familien, Abteilung Suchtprävention, Dietzstraße 4,
90443 Nürnberg.
Bitte einen mit 1,45 Euro frankierten DIN-A5-Rückumschlag schicken und 50 Cent in Briefmarken für die Broschüre beilegen.
Nadja Katzenberger / Apotheken Umschau; 29.12.2009, aktualisiert am 12.01.2012
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